Frühlingsbegrüßungslauf im Nationalpark

Von Hase und Charly


Heute war Ausflugszeit angesagt. Es ist Frühling ! Seit Wochen schon wollen Charly und ich endlich einmal einen Ausflug in den Parc Naturel Régional du Morvan machen, und heute, bei wunderschönstem sonnigen Frühlingswetter, war es dann soweit. Laufklamotten angezogen, was Trockenes zum Umziehen mit eingepackt, ein Picknick vorbereitet (mit dem superleckeren Brot von unserer Semurer Ich-bin-zwar-unfreundlich-aber-ich-kann-mir-das-erlauben, denn-bei-mir-gibt-es-das-weltbeste-Baguette-Bäckerin), ins Auto gesetzt und los gings. Und Charly und ich sind ja so schlau und lernfähig. Nachdem wir uns bei unseren letzten Läufen, bei denen wir neue Gebiete erkunden wollten, jedesmal aufs Übelste verfranst haben - wir sind ja alle beide nicht so die Orientierungskünstler, ne - haben wir diesmal die Original Michelin-Karte mitgenommen, die uns wohlbehalten durch den Forêt au Duc geleiten sollte.


Wir kamen in Roche des Fées an und stellten erstmal das Auto ab. Souverän und im Selbstbewusstsein des Orientierungshelden wies ich mit der Karte in der Hand in die Richtung, in die auch das Auto zeigte. Der Arm wurde schwerer, je länger wir die Karte anschauten und dann feststellten, dass das mit Sich-er-heit nicht der Weg ist. Wir wären schon auf dem ersten Meter auf dem Holzweg gewesen. Haha, Holzweg ist gut mitten im Wald.
Naja, dann eben die Karte ein wenig im Uhrzeigersinn drehen und schon ist die Perspektive eine ganz andere.
Wir zogen uns um, legten noch eine Pinkelpause ein und sausten los in Richtung Hauptstrasse und nach 100 Metern wieder nach rechts hinein in den Nationalpark. Schön ist es im Wald. Man darf sich den Wald nicht so vorstellen wie in Deutschland, der hier ist komplett asphaltiert, schließlich liegen in den Wäldern noch ein paar Dörfer. So kamen wir an einem See an. Hier könnte man im Sommer toll baden, vor allem ist hier kein Mensch, da kann mans aushalten. Und es stehen auch ein paar Picknicktische herum, da können wir doch nachher unser Picknick abhalten?! Jawohl, das machen wir, aber erst warteten noch ein paar Hügelchen auf uns.



Wir hoppelten also am See vorbei und tiefer in den Wald hinein, Charly mit unserer überlebenssichernden Wanderkarte fest in der Hand und vor allem auch im Blick. Nach einer Weile sagte ich dann lachend zu ihm, Mensch, jetzt bewunder doch mal die wunderschöne Landschaft und starre nicht immer nur auf deine Karte !!, das wirkte. Wir waren ganz hin und weg von dem schönen Wald, in dem die Vöglein voller Frühlingseuphorie um die Wette zwitscherten und in dem wir keiner Menschenseele begegneten. Aber diese Tatsache erklärt sich von selbst: es ist Sonntag, es ist 13 Uhr und wir sind in Frankreich. Stichwort Mittagessen ! Trotz der idyllischen Umgebung wurde ich mit jedem Kilometer, den wir vorankamen, immer nervöser, denn es ging stetig bergab, und zwar steil. Und soweit hatte ich im Physikunterricht dann doch aufgepaßt, um zu wissen, daß es, wenn es viel bergab geht, gezwungenermaßen auch wieder viel bergauf gehen muß, wenn man wieder an seinen Ausgangspunkt zurückkommen will. Aber egal, das packen wir schon, schließlich sind wir Semurer und keine Flachlandbewohner.


Ja, zunächst gings ja nach oben. Dank GPS konnte ich Hase ordentlich nerven. Ich sagte ihr ständig die aktuelle Höhe. Waren wir zunächst ganz oben bein 566 Höhenmetern, worauf Kerstin meinte, dass da die Luft schon ganz schön dünn wäre, gings nun immer schön weiter nach unten. Es spricht ja nix gegen nach unten laufen, aber die Physik, die Physik. Newton hat doch den Käse mit der Schwerkraft erfunden, dafür gehört ihm heute noch der Hintern versohlt.
Immer schön weiter nach unten liefen wir. Der Wald war einfach traumhaft, stellte ich fest, nachdem ich nicht mehr steif in die Karte guckte. Ich konnte es einfach nicht lassen, Kerstin zu sagen, wieviel Höhe wir schon verloren haben. Schließlich müssen wir das alles wieder hoch. Na bravo.
Wir machten ein Wettrennen mit einem Zitronenfalter, der ist ewig lang vor uns her geflogen, aber letztlich haben wir ihn doch noch ordentlich versägt.
Dort unten hörten wir nun schon den Fluß und kurz darauf sahen wir ihn auch schon. Cure heisst er, wie die gleichnamige Band. Also sind wir unten am Fluß, dann gehts auch nicht weiter nach unten. So, das genügt, wir waren auch nur noch bei 370 Höhenmetern, also gings 200 Meter nach oben. Wieder die Karte zu Rate gezogen und an einer Brücke die richtige Route eingeschlagen und von nun an gings bergauf.



Ja, es ging bergauf, das ist keine Übertreibung. Bergauf ging es. BERGAUF !! Erstaunt nahm ich zur Kenntnis, daß Charly heute ausnahmsweise einmal mein Angebot, gerne in seinem eigenen schnelleren Tempo vorauszuhoppeln, annahm. So lief ich gemütlich in meinem ganz eigenen langsameren Tempo die extreme Ansteigung hoch und rief ihm noch hinterher, daß er bei eventuellen Weggabelungen doch bitte auf mich warten solle, da er ja unsere lebenswichtige Karte noch immer fest in der Hand hielt und ich keine große Lust hatte, mich zu verlaufen und weder Charly noch das Auto jemals wiederzufinden. Er meinte, er würde dann einen Schuh liegenlassen, der mir die richtige Richtung weisen würde. Scho recht, Charly
Als ich ihn dann wiederfand, etliche Höhenmeter später und dennoch den wunderschönen Wald mit seinen plätschernden Bächen und saftig grünen Nadelbäumen genießend, saß er grinsend am Rocher de la Pérouse, ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen und genoß die umwerfende Aussicht.
Guckst du hier: http://www.petit-patrimoine.com/fiche-petit-patrimoine.php?id_pp=89318_9



Die Aussicht war echt der Wahnsinn. Mittlerweile waren wir ja auch schon wieder 100 Meter nach oben geklettert. Vor uns lag nur Wald und Wald und nochmal Wald, soweit das Auge reichte. Unten war der Fluß zu sehen. Es ist nicht ganz leicht zu beschreiben. So saß ich auf einem Felsen und wir guckten in die Landschaft. Aber schließlich rappelten wir uns wieder auf und liefen den Rest des Anstiegs hoch, was ja auch nochmal 100 Höhenmeter bedeutete. Ich lief wieder voraus und als ich fast oben war, hab ich auf einer Bank wieder auf Kerstin gewartet.
Nun waren wir fast oben und da fiel mir auf, dass die Bäume unglaublich gesund aussehen. Die verschiedenen Nadelbäume standen richtig saftig in voller Pracht da. Die Äste bogen sich nicht traurig nach unten, sondern strebten nach oben. Es war totenstill im Wald, kein Mensch, kein Auto, kein Fußgänger, absolut nichts. Nur wir zwei und unsere Schritte, die über den Boden trippelten. Eine unglaubliche Stille, abgesehen vom Vogelgezwitscher und dem Geklopfe eines fleißigen Spechts, der sich wohl unbedingt eine Gehirnerschütterung holen wollte. Meine Karte hatte ich noch immer in der Hand und mittlerweile kam ich auch klar mit der Orientierung. Ganz wichtig erklärte ich meinem Schatz ständig, dass es jetzt noch 800 Meter geradeaus geht und dann müssen wir nach links um wieder einen fachmännischen Blick auf die Karte zu werfen.
Ich behauptete, dass wir am Ende so 13 – 14 km hätten, was sich natürlich als falsch herausstellen sollte und ich die mentale Stärke von Kerstin trainierte. Doch zunächst sahen wir mitten im Wald ein einsames großes Haus, ein Forsthaus.



Charly war schon extrem putzig in seinem Stolz, den richtigen Weg für uns zu finden. Aber trotzdem - nee, 13 – 14 km, das kam mir etwas zu wenig vor. Ich behauptete, wir kämen auf mindestens 15, wenn nicht mehr. Aber Charly war der Fachmann mit der Karte und insistierte, daß das maximal 14 km seien. Na gut. Da er uns so absolut sicher und ohne sich ein einziges Mal zu verhoppeln durch den Wald geführt hatte, glaubte ich ihm das. Als er mich dann aufklärte, daß wir jetzt 12 km hinter uns hätten, stellte ich mich demnach darauf ein, nur noch eineinhalb bis zwei Kilometer zu laufen zu haben. Das geht. Nur daß Charly mir dann etwas später sagte, öhm, das mit den 13 – 14 km wäre wohl etwas optimistisch gewesen und ich hätte wohl recht gehabt und wir würden auf 16 Kilometer kommen. Und außerdem wollte er noch von mir wissen, warum ich ihm denn immer wieder glauben würde ? Ich sei ja selbst schuld und verdiene es ja nicht besser ! Die letzten Kilometer liefen aber trotz allem recht gut, da es jetzt nicht mehr bergauf ging, und so liefen wir noch einmal durch einen unglaublich dichten Nadelwald, in dem es richtig dunkel wurde und kein Sonnenstrahl duchkam – ich liebe diese Art Wald ! -, es wurde kalt und ich mußte meine Jacke wieder anziehen, wir liefen die letzten zwei Kilometer flott runter und freuten uns auf unser Mittagessen, das wir uns redlich verdient hatten, wie wir fanden.

Und wie wir unser Mittagessen am Nachmittag verdient haben. Aber zunächst hat sich unsere Stirn gerunzelt. Wo vorhin an unserem ausgewählten Picknicktisch kein Mensch war und der See in Stille dalag, waren jetzt etliche Leute unterwegs. Man fuhr wohl nach dem Mittagessen raus zum See, gaaanz nah und dann wird um den See gegangen, dass man sich später den Kuchen auch verdient hat. Ne, darauf hatten wir jetzt aber gar keine Lust, wir waren die ganze Zeit alleine im Wald, also wollten wir auch in aller Ruhe alleine unser Baguette mümmeln. Wir liefen den Rest zum Auto, zogen uns um und fuhren ein Stückchen die Strecke entlang, die wir zuvor gelaufen sind und siehe da, wir fanden auch auf einer Waldlichtung einen Picknicktisch. Also raus mit unserer Tasche und an dem Tisch breit gemacht. Wir freuten uns über unser Schnippchen, das wir den Menschenmassen gemacht haben und säbelten fröhlich am Baguette herum.
Kaum das Messer angesetzt, kamen schon die ersten Wanderer vorbei, wünschten uns einen bon appétit und zogen ihres Weges. Jetzt kam auch hin und wieder ein Auto vorbei, die Gesichter klebten an der Scheibe, als sie zu uns raus sahen. Wieder und wieder kamen Wanderer vorbei, teils mit Rucksäcken, ein Motorrad, noch ein paar Autos. Es war ja schon kurios, dass wir zuvor wirklich auf 16 km keine einzige Menschenseele angetroffen hatten.
Wir ließen uns davon natürlich nicht stören, futterten gekochten oder rohen Schinken, wir waren uns da nicht so einig, nagten an Surimi (das sind so Fischstäbchen), und spachtelten den guten Mont d’Or. Ein total abgefahrener Käse, der zudem recht teuer ist. Ich überleg ständig, wie wohl französische Kässpatzen schmecken, mit diesem Käse. Muss ich mal ausprobieren. Dann gabs noch Cassis Marmelade. Eine superleckere Marmelade mit Cassis aus dem Burgund. Freunde, ihr macht euch keine Vorstellung davon, was es im Burgund für leckere Sachen gibt.



Nach dem Mittagessen, das an der frischen Luft mitten im Wald natürlich noch viel besser schmeckt als es das sowieso schon tut, beschlossen wir, noch ein bißchen Auto-Sightseeing durch den Morvan zu machen. Wenn wir schon mal hier sind. Ich übernahm die Karte und die Führung und lotste Charly über sehr kurvige und hügelige Straßen und durch extrem abgelegene Dörfer. Diese Dörfer liegen so dermaßen mitten in der Pampa, daß man sich echt fragt, ob es dort schon elektrischen Strom und fließendes Wasser gibt. Aber bildhübsch ist es im Morvan. Wen es interessiert, die offizielle Seite des Morvan ist die hier: http://www.parcdumorvan.org/
Was für ein schöner Frühlings-Lauf-Ausflug das war !

5.3.07 12:34

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bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Hasenmama (5.3.07 23:09)
Ich beneide Euch beide schon ein bißchen um Eure Fitness, die es Euch erlaubt, solche Naturabenteuer zu erleben - na gut, man kann ja nicht alles haben.
Ich habe zur Zeit nur meinen Computer :-))
Da soll sich Natur sehr gut simulieren lassen.
Macht's gut Ihr zwei............


Sepp (7.3.07 21:48)
Jetzt habe ich Hunger bekommen ;-))
Eine schöne Laufgeschichte.

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