Der erste Hasenmarathon

Das war doch mal eine Pasta Party, im Charolais, einem Teil des Burgunds.
Ja gut, wir sind ja in Frankreich und der Stil wird dann auch bei der Pasta Party gewahrt.
Zunächst standen natürlich alle rum, um sich einen Aperitiv zu gönnen. Dann wurde sich gesetzt, an den hübsch dekorierten Tisch und die Vorspeise kam. Schinken und Brot. Nach der Vorspeise wurde abgeräumt um Platz für die Nudeln zu machen. Schüsselweise wurden die Spaghetti Bolognese rein gebracht. Man bekam so viele Nudeln nachgeliefert bis auch wirklich alle genug hatten und immer wieder kamen Schüsseln aus der Küche raus, obwohl längst alle den Löffel weg gelegt haben.
Aber das wars noch nicht, es folgte noch ein Dessert und natürlich der Käse. Dann wurde auch noch Obst verteilt. Dass auch wirklich keiner zu kurz kommt.
Ich hab mich mit dem Essen beschäftigt, denn so richtig viel verstanden hab ich nicht in dem Stimmenwirrwarr. Kerstin hat ab und zu übersetzt, was die Läufer für Horrorgeschichten erzählten. Ausschweifend wurde vom hügeligen, bevorstehenden Marathon geredet, der bald alpine Züge bekam. Auch das Wetter änderte sich mit Fortschreiten der Pastaaa Partieeee. Es wurde Viertelstündlich heisser und heisser. Es wird die Hölle.
Tipps gabs von links und rechts, man muss unbedingt Power Gel futtern und es wurde ausgiebig von Krämpfen bei km 28 geredet. Kerstin wurde immer kleiner, ich grinste meist nur, weil das Pre-Marathon-Geschwätz einfach sein muss.
Wir waren die ersten die Heim gingen.
Wir schliefen gut, wir frühstückten gut und das Wetter war gut. Es lag ein hübscher Nebel in der Luft, da wird’s dann wohl eher nix mit den versprochenen 30° die ein Teilnehmer prohezeite.
Wir fuhren mit dem Auto zum Start, bibberten schön vor uns hin und beobachteten amüsiert, dass sich so viele Läufer warm liefen. Scho wichtig bei einem Marathon, dass man sich eine halbe Stunde warm läuft.
Dann war auch bald der Start und los ging unsere Reise auf den ersten Marathon für meinen Hasen.

Nach etwa einem Kilometer gings schon hinaus aus der Stadt und nun mussten wir stetig bergauf laufen. Aber gut, dass der Teil am Anfang ist. Es war wirklich an jeder Seitenstraße und an jedem Feldweg ein Ordner. Und wirklich jeder Ordner wünschte uns Bon Courage. Superfreundliche Leute und wir haben jedem Ordner mit einem lächelnden merci geantwortet. Nett war das. Dafür gabs nicht soviel Zuschauer. Wahrscheinlich wurde jeder Zuschauer zum Ordner vergattert.
Wir waren die Vorletzten, hinter uns waren nur noch 2 Damen, vor uns war auch bald niemand mehr. Es waren ja auch nur 160 Teilnehmer. So liefen wir meist einsam durch die schöne Burgunder Hügelwelt. Hin und wieder wurde die Einsamkeit unterbrochen durch einen Ordner in Leuchtweste, der einen Feldweg bewachte.
Es wurde nach 4 km schon Zeit für die erste Pinkelpause. Ein Zeichen, dass wir ausreichend hydratiert waren. (Hasendeutsch)
Immer noch gings danach bergauf und dann kam der Hammermann bei Kerstin. Plötzlich aus heiterem Himmel fängt sie an zu verzweifeln und meint, dass wir doch jetzt gerade mal 5 km gelaufen sind, dass das noch 37 km sind und dass sie sich überhaupt nicht gut fühlt und dass das doch blöd ist und es ist noch weit, das schafft sie nicht. Scheißidee. Ich war ganz schön perplex. Ich hab mit dem Gemecker bei km 32 gerechnet, aber doch noch nicht bei 5 km. Das ist ja gerade mal eine Früstücksjoggerldistanz. Was sag ich denn da zu Kerstin zur Motivation? Teil dir die Strecke doch in kleine Etappen ein und denk um himmels Willen nicht schon jetzt an das Ziel. Du fühlst dich doch gut oder?
Öhm, hm, nö.
Doch!
Nach der Meckertirade gings weiter in die Hügel hinein.
Bei 10 km sahen wir dann doch mal eine Läuferin, der wir näher kamen, als wir fast ansetzten zum überholen gingen wir aber erst nochmal in die Büsche um überschüssiges Hydrat loszuwerden.
Schön liefen wir weiter über schnuckelige burgunder Dörfer, an vielen Ordnern vorbei und einem Jungen, der uns was auf der Trompete vorspielte. Nachdem wir ihm aplaudiert hatten, hörte er auch schon auf damit. Danke.

Die Versorgungsstellen waren auch der Hit. Ne, eigentlich wars immer ein Buffet. Da gabs Rosinen, Pflaumen, Aprikosen, Bananen, Orangen, Müsliriegel, Schokolade und noch etliches mehr. Und Cola gabs auch schon ab km 15. Kerstin probierte Cola, grinste und fands geil. Also ab jetzt immer Cola. Das war dann auch die Stelle, wo es ihr langsam besser ging und die Verzweiflung vor der Riesendistanz kleiner wurde, bis sie irgendwann ganz verschwand. Ich hielt mich immer ein bisschen länger bei den Versorgungsstellen auf und dinierte. Den Helfern gefiel es immer wunderbar, wenn ich so reichlich ihre Station plünderte. Aber irgendwann ists auch wieder gut mit mampfen und ich rannte Kerstin hinterher.
Bei km 18 hatte Kerstin dann wieder so einen Selbstzweifler. Sie sagte mir, dass ich doch bestimmt schneller laufen wolle und dass sie mich doch bremst. Ich hab dann einfach nur gesagt, mit sowas brauchst du jetzt gar nicht erst anzufangen, lauf einfach und haute ihr auf den Popo. Das half.
Die Gegend in der wir liefen war einfach nur wunderschön, alles übers Land, die schönen Dörfer, die Schlösser die manchmal protzend auftauchten, die weißen Charolais-Kühe und diese Ruhe.
Gegen 11 Uhr kam die Sonne aus dem Nebel heraus, aber dafür liefen wir jetzt auch einige Kilometer durch schattigen Wald. Das Wetter war einfach perfekt für einen Marathon.

Nun war die Zeit des Geniessens gekommen. Der Wald, der Körper, der lief wie eine Maschine, das Traumwetter mit bis zu 23°, der leichte Wind, alles wunderbar. So spulten wir jetzt Kilometer für Kilometer ab. Bei km 29 war eine Verpflegungsstation, an der sich auch Läuferkollegen gütlich taten. Sie waren wohl schon einige Minuten am futtern, wir stärkten uns auch noch reichlich, dann gings weiter. Wir hatten jetzt also schon 4 Leute überholt. Und nun gab es auch die Belohnung für die Erklimmung der Hügel am Anfang der Strecke, wir durften über 2 km bergab laufen, das war super.
Unten angekommen waren wir schon bei km 32. Es sind nur noch 10 km, das ist ja gar nix, das laufen wir doch zu jeder Brotzeit mal eben. So motivierte ich Kerstin. Aber sie brauchte keine große Motivation, denn langsam dämmerte es ihr, dass sie ihren ersten Marathon schaffen wird.
Jetzt sahen wir auch vor uns Läufer, die Gehpausen einlegen mussten, auch das gab Kerstin noch zusätzlich Energie und ich stachelte sie auch an, dass wir doch den da vorne noch kassieren könnten. Und denn da und den davor.
Bei km 34 war wieder eine Verpflegungsstelle, es wurde reichlich gemampft und der junge Mann auf den wir aufgelaufen sind war fix und fertig. Er machte so einen völlig ausgelaugten Eindruck, goss sich mit einer Flasche immer wieder Wasser über den Kopf und war erledigt. Da kam dann auch ein kleines Teufelchen bei mir zum Vorschein und ich klatschte in die Hände, rieb sie aneinander und meinte im jovialen Ton: Pack mas wieder? Worauf wir federnd unseren weiteren Weg einschlugen.
Uns gings ja prächtig und je näher wir dem Ziel kamen, umso besser ging es auch Kerstin. Und jetzt sammelten wir auch immer mehr Läufer ein, die gehen mussten. Wir hingegen wurden immer schneller, je näher das Ziel kam. Hammermann? Was ist das denn? Kennen wir nicht, der liegt noch irgendwo da hinten bei km 5 im Graben. Ach war da was? Total vergessen. Pah, Hammermann, Lä-cher-lich.
Einen Läufer sahen wir, der lief vor und lief wieder zurück, lief vor, lief zurück. Was hat der denn für ein Problem? Darauf angesprochen, was das denn solle, meinte er, er trainiert für einen 48 Stunden Lauf und will heut den Marathon in 6 Stunden laufen, aber weils nicht mehr so weit ist, läuft er eben immer wieder ein Stück zurück. Na, wenn er meint. Wir liefen lieber vorwärts und überholen weiter Läufer. Das war schon interessant, wir waren ja wirklich 25 km alleine auf weiter Flur.
Bei km 36 meinte ich zu Kerstin, jetzt ist doch eh schon alles Egal, denn 6 km können wir zur Not auch noch krabbeln. Das sah sie auch ein und ab da wurde sie immer schneller. Bei km 39 war wieder Verpflegung, aber diesmal gabs kein Mittagsmahl, wir hatten jetzt keine Zeit mehr, wir müssen ins Ziel. Die schnellsten Kilometer lief Kerstin hier und der Allerschnellste war der 42. Kilometer, aber halt, zuvor traf ich noch die Reinkarnation der Paula Radcliffe. Bei km 41 gabs noch eine Wasserstelle, ein Organisateur rief Eau, Hase nickte, rannte auf den Mann zu, schnappte sich im Vorbeilaufen den Becher Wasser aus der Hand, trank ihn profimäsig nur halb aus und ließ ihn so absolut lässig zu Boden fallen, wie man es nur bei Eurosport zu sehen bekommt, der Becher mit einem Stompf auf dem Boden landet und sich der Rest auf der Straße ergiesst. Ich musste so lachen über die Szene, auch Kerstin lachte mir zu. Ist das wirklich mein Häschen, das bei km 5 so ein Häufchen Elend war und völlig verzweifelt war, weil noch 37 km vor ihr lagen? Nun war es nur noch ein Kilometer und Kerstin sprühte nur so von Energie und Freude.
Ich merkte dann, wie sie auf dem letzten Kilometer in sich ging, wie sie ruhig wurde und ich konnte mir sehr gut vorstellen, was in ihr vorging. Wir waren schon in der Stadt, das Ziel ist gleich da. Ich bekam eine Gänsehaut und war so froh, dass ich mit meinem Schatz diesen Augenblick erleben darf. Schließlich ist das Gefühl, zum ersten mal im Leben einen Marathon zu finishen einmalig und kein Zieleinlauf wird mehr so sein, kein Berlin, kein New York, nichts.
Auf den letzten 200 Metern wollte Kerstin einen Endspurt hinlegen, aber ich hab sie gleich eingebremst und gesagt, mach langsam, du musst die letzten Meter geniessen und in dich aufnehmen, schau dir das alles ganz genau an und lauf rein ins Ziel. Dort vorne vor dem Stadtschloß war effektvoll der Zielbogen aufgestellt und so lief meine frischgebackene Marathonheldin vor mir ins Ziel.
Ich folgte ihr nach 1 Meter, dann drehte sie sich um und fiel mir weinend in die Arme. Ich hielt sie einfach nur fest und ließ sie die Wimperntusche auf meinem Shirt verteilen. Minutenlang lagen wir uns in den Armen, viele Leute sahen uns dabei zu, der Sprecher redete lange von uns über diese Szene, wir wurden gefilmt und fotografiert, aber in dem Moment mussten die Gefühle einfach nur raus.
Nach einer ganzen Weile lächelte und strahlte mein Schatz schon wieder. Ja, sie hat es geschafft, mit 5 Stunden hat sie geliebäugelt und es wurde dann eine Zeit von 4:42 Stunden.
Wir setzten uns ins Gras, lächelten, ich war stolz auf sie.
Nun war es aber Zeit, dass wir ins Hotel kamen, schließlich durften wir dort noch duschen, obwohl doch schon Nachmittag war und dann fuhren wir wieder durch das ganze Burgund nach Hause und schmiedeten fleißig Marathonpläne für die Zukunft. Achtung, Hase hat Blut geleckt.

16.4.07 12:17

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bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


muttern (16.4.07 12:37)
hallo was ist den los habe gerade dir auch geschrieben und kam auch nicht an ,also nochmal 2 schöne berichte,bekomme ich nicht mehr hin auf alle fälle freue ich mich so über kerstin ,wußte doch,sie schafft es auch papa hats gelesen auch er findets toll SUPER aber mit dir ists doch klar
nun macht alles was geht,irgendwann ist es zu spät ,das nimmt euch keiner mehr,diese freude am ziel ,wäre ich gerne dabei gewesen,gibts fotos ??
weiter so ich liebe euch gruß muttern


Uli / Website (16.4.07 13:06)
Wenn man so liest, wie das in Frankreich verpflegungsmäßig abgeht, dann wird man hier schon etwas neidisch. Aber Ihr habt es Euch ja redlich verdient.
Gratulation zur erfolgreichen Begleitung einer neuen Marathonheldin. Ihr Erfolg ist sicher auch zu einem Großteil Deiner und da kannst Du stolz drauf sein.

Gute Erholung
Uli


Hasenmama (17.4.07 23:37)
Charly, das war mal wieder ein wunderschöner Bericht - und ich bin überzeugt, ohne Dich hätte es Kerstin sicher nicht so viel Spaß gemacht bzw. wer hätte dann ihr Gejammer geblockt? Danke aus ganzem Herzen von den Haseneltern.
Es ist so schön, daß es Dich gibt.......

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