Knastmarathon

Es ist ja auch völlig normal, dass man Sonntag Früh um 5 Uhr 370 km fährt, freiwillig in den Knast geht, über 42 km läuft um dann wieder 370 km Heim zu fahren.
Man kann sagen, dass ich am Sonntag nicht viel Zeit für andere Dinge hatte.
Um 8:30 kam ich also in Darmstadt an der Justizvollzugsanstalt an, aber erst fragte ich in der Stadt nach dem Weg in den Knast. Ich bekam zwar eine freundliche Antwort, aber ich wurde schon etwas skeptisch angeschaut.
Ich sortierte auf dem Parkplatz aus, was ich nicht brauchen würde und was ich auch nicht mitnehmen dürfte. Also kein Handy. Ich hab mein Gepäck recht karg gehalten und bin auf den Eingang zugegangen.
Drinnen, im Vorraum durfte ich als erstes meinen Ausweis abgeben, der direkt eingetütet wurde. Dann musste ich meine Tasche durchsuchen lassen und wurde durch einen Metalldetektor geschickt. Ob ich Fotoapparat oder Handy dabei hätte? Nöööö.
Nun hieß es warten, bis eine Tür automatisch aufging. Das war irgendwann der Fall und ich durfte in den Knast hinein. (Durfte????) Ich habs mir klaustrophobischer vorgestellt. Aber der Knast hatte vielmehr etwas von einer Kaserne, als von einem Gefängnis. Große Gebäude, viele Bäume, Sportplatz, viele Sitzgelegenheiten, alles schön groß gehalten. Nett hier.
Nach ein paar Metern kam jemand auf mich zu und schickte mich freundlich zur Startnummernausgabe. Das war auch schnell erledigt.
Überall standen Leute herum, die nur darauf gewartet haben, mir helfen zu können. 'Dort vorne könnte man sich umziehen.' sprachs.
Ich bin auf das Gebäude zu und traf einen Mann an, der mir einen riesengroßen Wäschesack in die Hand drückte. Dort solle ich alles rein packen, was ich nicht benötigte und ihm den Wäschesack wieder bringen. Der wird später weg gesperrt, dass da keiner ran kommt.
In der Umkleidekabine zog ich mich um und konnte nun eine Stunde warten, bis der Start ist.
Ich traf noch auf zwei Läuferkollegen aus einem Laufforum, mit denen ich mich unterhalten habe. Vor dem Rennen gabs noch Wurst- und Käsesemmeln. Apfelschorle, Kaffee, Wasser. Ja, da bleibt doch kein Wunsch offen. Und alle Helfer überwarfen sich, dass sie uns versorgen könnten.
Die Prominenz war auch da. Auch das Fernsehen. Das DSF hat Aufnahmen von dem Marathon gemacht. Die Sendung soll am Ende Mai oder Anfang Juni gezeigt werden. Na da bin ich ja gespannt.
Die Prominenz bestand aus Achim Heukemes und seine Freundin.
Achim ist der Godfather des Ultralaufes. Er kam mit seiner Freundin direkt aus New York zurück, wo die beiden eine 10 Tages Lauf mitgemacht haben. Das heisst, 10 Tage wird auf einem Rundkurs gelaufen, der eine Meile lang ist. Dabei hat er mal eben 701 Runden zurück gelegt. Sowas ist normal im Leben des Achim Heukemes. Klar, dass er nach dieser Belastung und mit der Zeitumstellung nix auf die Reihe kriegt an diesem Tag, was sich auch im Ergebnis niederschlug. Immerhin benötigte er 3:14 Stunden für den Marathon. Öhm.
So nun war es soweit, der Start stand bevor und mit 'Final Countdown' wurden wir ohne Knarre auf die Reise geschickt.
24 Knackis und etwa 100 in Freiheit lebende, dazu noch 4 Einradfahrer.
Der Kurs war natürlich so gelegt, dass man sich zwangsläufig ständig begegnet. Es gab etliche 90° Kurven und 2 komplette Wenden um einen Hut herum.
Einen Läufer kannte ich noch von einem anderen Laufforum und er grüßte mich bei jeder Begegnung. Also etwa 80 mal.
Die Stimmung war prima. Die Inhaftierten, die nicht mitliefen, durften dem Lauf zusehen. Da wären die normalen Knackis, die sich hinter einer Absperrung aufhielten und uns zusahen.
In einem anderen, abgesperrten Bereich waren wohl die harten Kaliber, die hinter einem Zaun waren und uns anfeuerten. Wobei das 'Uns' eher den Mitläufern galt, die dort ihre vorübergehende Heimat hatten.
So wurde gerufen 'Auf gehts Mohamed, gib Gas Azil, hau rein Robert' Es gab ganze 3 Mohameds, die angefeuert wurden.
Wir liefen um die verschiedenen Gebäude herum, um Knastwerkstätten herum. Es gab eine Schreinerei und sogar eine Gefängniseigene Buchbinderei.
Ich hatte aber meist das Gefühl durch einen asphaltierten Park zu laufen, wenn da nicht immer der Anblick von bis zu 8 Meter hohen Betonwände mit darauf liegenden Stacheldrahtrollen und die coolen Wärter gewesen wären.
Die Wärter machten es sich in Stühlen bequem und hatten meist auch die Beine auf dem Tisch liegen.
Kurz vor dem Ende einer Runde, die 1754 Meter lang war, kam man an dem Spalier unserer Zuschauer vorbei. Ein Meer von dunkelroten T-Shirts, die uns beobachteten und sofort in Jubel ausbrachen, wenn Mohamed, Janusz oder Björn vorbei liefen. Manch einem Insassen war der Lauf auch herzlich egal und so wurde eben am Rand Backgammon oder Karten gespielt. Das muss man schon ausnutzen, wenn man zusätzlichen Freigang bekommt.
So lief ich also meine Runden und benötigte meist so um die 9:30 Minuten für eine Runde. Aber ich hatte schon nach einer Weile ständig Seitenstechen und mein Bauch grummelte blöd vor sich hin. Dennoch hielt ich eigentlich mein Tempo, denn so um die 3:45 Stunden wollte ich in etwa brauchen. Den Halbmarathon schaffte ich auch genau in 1:52:30, das wär genau im Soll gewesen. Das Problem war aber neben meinem Bauch und dem Seitenstechen die Füße. Ich hatte meine Leichtgewichtschuhe an, aber ich hätt besser gedämpfte Schuhe nehmen sollen, denn die Mischung aus Asphalt und dem Beton hat mich zunehmend zermürbt. Ich spürte schon bald meine Knöchel und mir taten die Füße mehr und mehr weh.
Nach 13 Runden nahm ich mir eine 5-minütige Auszeit und gab noch schnell eine Stuhlprobe ab.
Ab da ging es mir aber auch im Bauch besser. Kluge Entscheidung. Schneller wurde ich aber deswegen nicht. Im Gegenteil, meine Zeiten wurden von Runde zu Runde langsamer. Das Wetter war auch schön schwül. Es war zwar nicht so heiß, aber die Schwüle, die war nicht zu unterschätzen.
Nach zwei Stunden waren plötzlich alle Knastzuschauer verschwunden, aber eine Runde später waren alle wieder da. Achne, ich merkte, dass wir frische Zuschauer bekamen. Das kriegt man wohl auch nicht überall geboten, dass man bei einem Marathon mitten im Rennen neues Publikum bekommt.
Der erste Block musste wieder in ihre Zellen, dafür durfte der nächste Block den Rest des Rennens anschauen. Die Leute hinter den Zäunen blieben aber verschwunden.
Die Verpflegungsstelle war super. Wo kriegt man schon alle 1700 Meter ein reichhaltiges Buffett gestellt und Helfer, die sich darum rissen, einem den Becher in die Hand zu drücken.
'Komm, nimm von mir das Wasser, das ist viel besser, als das von meinem Kollegen, probiers aus'
Auch Cola und Apfelschorle gabs. Dazu noch Bananen und Müsliriegel.
Nach 18 Runden ging es immer weiter bergab mit meiner Konstitution und so hatte ich keinerlei Zeitambitionen mehr. Pfeif drauf. Lauf einfach dein Ding durch und freu dich am Marathon. Ja, freuen ist gar nicht so leicht, wenn die Füße meckern und die Beine schwerer werden. Dazu kam auch immer die gleiche Stelle, die alle Läufer mehr oder weniger fertig gemacht hat. Man lief in Richtung Westen (glaub ich) auf die Knastmauer zu und da stand die Luft drin, das war wie eine Wand vor der Wand und immer öfter musste ich bei diesem Teil eine Gehpause einlegen. Um das Gebäude herum fiel mir alles furchtbar schwer, aber ich war nicht allein. Es gab mal einen Zeitpunkt, da zählte ich an der Stelle 11 Geher, was mich dann aber wieder motivierte weiter zu laufen.
Ich gewöhnte es mir auch an an der Verpflegung Getränke zu nehmen und 100 Meter oder etwas mehr zu gehen.
Runde für Runde lief ich also weiter und mir wurde auch klar, dass ich nicht mal die 4 Stunden schaffen würde. Naja, auch egal.
Der Sprecher im Zielbereich war auch super drauf. Der hat die meiste Zeit geredet und das über 5 Stunden. Über jeden wusste er etwas zu berichten, rief ständig die Namen von den Läufern in die Runde. In seinen Sprechpausen lief prima Musik, ala 'I need a hero', 'we are the Champions' usw.
Mittlerweile war auch schon der Sieger im Ziel und auf seiner letzten Runde hab ich ihm beim entgegen Kommen noch applaudiert. In 2:53 schaffte er die Strecke. Ein weiterer Läufer blieb noch unter 3 Stunden. Aber ich schleppte mich noch brav über die Runden. Aber dennoch geht auch jeder Marathon zu Ende, auch wenn man das nach 35 km noch nicht so recht glauben mag.
Doch irgendwann war ich auf der letzten Runde und lief gemächlich ohne Endspurt ins Ziel. Geschlagene 4:07 Stunden hab ich benötigt. Na, egal. Hauptsache Spaß hats gemacht.
Der Achim Heukemes war natürlich längst im Ziel, blieb dort aber stehen und beglückwünschte jeden einzelnen Finisher. Natürlich wartete er auch auf seine Freundin, die ein paar Minuten nach mir ins Ziel kam.
Nachdem mir die Medaille um den Hals gehängt wurde, ging ich zum Verpflegungszelt und stärkte mich mit etlichen Streuselkuchen und Käsesemmeln, Fleischbrühe. Der Küchenbeauftragte kam kaum nach mit dem Bringen der Semmeln. Wir hatten schließlich alle Kohldampf.
Ich traf im Zelt dann auf meine Laufkollegen aus dem Internet und plauderten über den mehr als gelungenen Lauf.
Jeder trank einen Kaffee, aber erst wurde gefragt, wo denn die Milch sei? Die ist drüben im andern Zelt, müsste man holen..... Also tranken wir den Kaffee eben schwarz. Wir gehen doch nicht freiwillig 5 Meter und wieder zurück???
Einige Knackis saßen mit uns im Zelt und es war schon nett anzusehen, wie sie alle ausgelassen waren und glücklich darüber einen Marathon gelaufen zu haben. Einer sagte immer, dass er es gar nicht glauben kann, dass er jetzt tatsächlich Marathon gelaufen ist. Auch sie hatten alle viel zu erzählen von ihrem Erlebnis.
Das Halloooo steigerte sich noch, als der Küchenmensch mit einem Wagen ankam, wo vier Kästen Bier drauf standen. Sofort stürzte man sich drauf, aber es handelte sich nur um Malzbier. Hätte mich auch ehrlich gewundert, wenn es richtiges Bier gegeben hätte. Aber die Freude war nur kurz getrübt und ratzfatz hatten wir alle ein Malzbier in der Hand.
Einer der Insassen meinte, 'Ich hoffe, ihr seid nächstes Jahr alle wieder dabei.... aber ohne mich, denn ich werd dann nicht mehr da sein' worauf er uns zuprostete und breit grinsend einen tiefen Schluck aus dem Malzbier nahm.
Die Atmosphäre war einfach nur toll, sowas erlebt man nicht in der Anonymität eines Berlin- oder Münchenmarathons.
Nachdem ich mich nun etwas erholt hatte, ging ich zu den Umkleiden, holte meinen Wäschesack und zog mich um.
Schwermütig gingen wir auf den Ausgang zu und mussten das Gefängnis wieder verlassen. Das war schon ein sehr merkwürdiges Gefühl, wieder vor der Tür zu stehen und keine Mauer vor der Nase zu haben.
Ich denke jetzt an die Insassen, für die ab Heute wieder der schwere Alltag in Gefangenschaft abläuft, ein Tag wie der Andere. Aber die Knackis konnten einen aussergewöhnlichen Tag genießen, der für sie einen Hauch von Freiheit hatte.
Doch jetzt hieß es 370 km Heim fahren. Zurück in den Regen.

Das war für mich schon ein sehr intensives Erlebnis und so einen 'beknackten' Marathon, den man auch noch doppelsinnig nehmen kann, würde ich sofort wieder machen.
Es ist auch erstaunlich, was man für das Startgeld von 10 Euro alles geboten bekam. Absolute Vollversorgung, eine Medaille, eine gute Laufmütze, ein T-Shirt, eine DVD von der Marathonaufzeichnung, eine CD mit Fotos und superfreundliche nette Leute, soweit das Auge blickte.

19.5.08 09:23

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bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


muttern (19.5.08 10:18)
Also mein Sohn im Gefängnis,schrecklich ,meine Erziehung am A....Nun das ist bestimmt ein tolles Erlebnis gewesen ,nachdem SUPER Bericht mach mir doch Kopien von der CD und DVD
Gruß Muttern


Hasenmama (19.5.08 13:00)
ja, Charly, ich kann deiner Mama nur beipflichten, echt ein Super-Bericht! Aber, daß du schwermütig wirst, wenn du das Gefängnis verlassen mußt, gibt mir doch zu denken :-))))

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