Bericht aus München

So liebe Leute, gebt fein acht, ich hab euch etwas mitgebracht.

Am gestrigen Sonntag war mein 8. Marathon. Den Ultra kann man ja noch dazu denken.
Also rein nach München, es würde ein schönes Laufwetter werden. Blauer Himmel, leichter Wind und 17° sollten es werden.
Ich fuhr auf die Parkharfe im Olympiakomplex, da meinte so ein Ordner, dass ich bei Block 20 parken soll. Ja, is scho recht. Ich fuhr vor bis Block 2, direkt vor die Halle der Startnummernausgabe.
Um halb 8 war ich schon da, um 8 sperrten die erst die Halle auf. Dann eben warten. Da bekam ich eine SMS, dass der Walti auch vor der Halle steht. Ich hab ihn gefunden und angesprochen. Wir plauderten noch ein bisschen, dann gingen bald die Türen auf und rein wuselte es, jeder wollte die Startnummer als Erstes haben.
Nach einem Gang durch die Marathonmesse, mit ergatterten 2 Laufhosen bin ich wieder zum Auto, hab mich umgezogen, schick gemacht und bin gemütlich zum Startgelände gewandert. Da kommt von hinten der Jürgen an und begrüsste mich. Ich war auch nicht schwer zu erkennen, ich hatte ein Shirt mit 'Charly' hinten drauf. Wir gingen zusammen in Richtung Start in den Startblock A zu den Paceläufern mit 3:15 Luftballons. Öha, so schnell will ich aber net, aber da stand ich nun. Naja, die werden mich schon nicht überrennen. Jürgen wollte 3:20 laufen, ich meinte, ich probier unter 3:40 zu kommen.
Die Läufer der deutschen Meisterschaft wurden um 9:55 auf die Reise geschickt und um 10 wurde wieder geballert, das war unser Start. Auch bei Hase in Semur ist um diese Zeit der Start für ihren HM gewesen, ich hab fest an sie gedacht und sie auch an mich. So wünschten Jürgen und ich uns einen guten Lauf und schon waren wir auf der Strecke verschwunden.
Es ging um das Stadion herum. Sehr viele Zuschauer warens nicht. Von Jubelstimmung war auch nicht viel zu spüren. Eher standen die Leute nur teilnahmslos auf den Brücken und guckten runter.
Naja, is halt so. Ich musste mich schwer zusammen reissen, dass ich mich von dem schnellen Tempo der Mitläufer im vorderen Feld nicht mitziehen lasse und sagte mir immer vor, dass ich viel zu weit vorne stand. Das half.
Ich lief in etwa einen 5 Minuten Schnitt, ich hoffte bloß, dass das nicht zu schnell wäre und ich am Ende dafür büßen müsste. Aber jetzt lauf ich erstmal dieses Tempo.
Richtig beeindruckt war ich eigentlich nie von München. Imposant war es schon auf der Leopoldstraße zu laufen. Riesenstraßen, nur für uns gesperrt. Dort vorn stand das Denkmal von dem ich jetzt ums Verrecken nicht mehr drauf komm, wie es heisst. Fällt mir schon wieder ein, habs ja schon tausendmal gehört. Dann gings rechts weg, rein in die Türkenstraße. Wir liefen in Richtung Stadtmitte, ich erblickte die Frauenkirche. Die hat 99 Meter und nichts in München ist höher, darf nicht höher sein, ausser der Fernsehturm.
So liefen wir nach 12 km in die Fußgängerzone, über den Marienplatz, das Glockenspiel am Rathaus bimmelte und somit hatten die Zuschauer auch keinen Blick mehr für die Läufer. Jeder guckte zu dem Puppenspiel hoch.
Nach 14 km kam ein Wendepunkt und da sah ich den Jürgen wieder. Er hatte doch einiges an Vorsprung, da dürfte er wohl in seiner Zeit sein.
Weiter liefen wir, ich kannte mich jetzt nicht mehr so recht aus, wobei ich auch an Stellen vorbei kam, die ich von den Münchner Bladenights kenne.
Nach 19 km ging mir der rechte Schuh auf. Sowas passiert mir sonst nie. 8 Sekunden hab ich verloren, weil ich ihn wieder binden musste. Dann band ich ihn auch noch zu fest, aber ich hielt deswegen nicht mehr an.
Noch waren die meisten Läufer guter Dinge, man hatte noch Kraft, wobei ich da auch schon vereinzelt Läufer sah, die sich an Laternen dehnten. A bissal früh, oder?
Nun lutschte ich mein erstes Powergel. Ich lief immer noch in etwa die 5 Minuten pro km, es war ok. Trotzdem hatte ich immer noch den Verdacht, dass ich ein bisschen zu schnell war.
Nach 27 km gings in 'die Grüne Hölle' Wir bogen in den Englischen Garten ab. Grüne Hölle deshalb, weil hier kaum Zuschauer stehen und sich die Kilometer ziehen sich angeblich wie Kaugummi. Ich hatte nicht das Gefühl. Aber hier wurden es echt viele Laufkollegen, die sich an Bäume stützten und ihre Waden dehnten, oder die Oberschenkel, oder Beides. Überall auch die wilden Pinkler. Wo ein Baum ist, ist auch ein Läufer davor.
Viele Läufer konnte ich hier überholen, das demotiviert die Leute wohl wirklich, die Strecke hier im Englischen Garten.
Plötzlich lief ich auf Jürgen auf. Was ist denn da los? Ich fragte ihn, was nicht stimmt?! Ihm war kotzübel, der Magen spielt verrückt und es läuft einfach nicht mehr. Zu schnell angegangen. Kurz blieb ich noch bei ihm, dann schickte er mich an, dass ich mein Rennen laufen solle.
Nach 32 km war der Wendepunkt am Aumeister und es ging hintenrum wieder zurück. Hier stand dann auch unser Fanclub und feuerte mich an. Es wurde wild gewunken, aber nach ein paar Sekunden war ich auch schon wieder ausser Sicht.
Nun gings auf die letzten 10 km. Langsam wurde es schwieriger. Ich hab schon bei km 28 plötzlich gemerkt, dass mein Nudelspeicher leer ist, da wurde die Atmung schneller und ich fühlte mich ziemlich schlapp. Aber ich wusste was das war, der Hammermann der mir einen Hieb versetzen wollte, aber ich ließ das nicht zu, ich befahl mir das Tempo weiter zu laufen und das funktionierte ganz gut. Schließlich war das nix Neues. Faszinierend ist immer, wie plötzlich das Energiedepot leer ist. Zunächst läufst du noch gut gelaunt, dann plötzlich fühlst du dich unglaublich schlapp und fertig, von einem Moment zum Nächsten. Nach einer Weile gehts wieder, aber der Punkt ist einfach immer wieder beeindruckend.
Bald waren wir raus aus dem Englischen Garten, nur noch 8 km. Was heisst nur noch? Streichen wir das 'nur'
Es wurde immer schwerer für mich, aber nein, ich gab nicht nach, ich pfiff auf die Schwäche.
Nach 37 km spürte ich einen kleinen Stich in der Wade. [b]Upsi[/b] da kündigt sich ein Krampf an. Muss das denn sein? Mannomann. Ich lief locker weiter, ein paar hundert Meter später noch ein Stich, diesmal schon ein bisschen heftiger. Beim Schild mit der 38 musste ich dann mal stehen bleiben und hab mir an einem Bordstein die Waden gedehnt und den Krampf versucht rauszuschütteln. Dann lief ich weiter, probierte jetzt mal diesen Laufsdchritt, dann jenen. Mal lief ich auf der Fußaussenseite, dann wie mein Namensvetter Charly, der Chaplin, schließlich im genauen Gegenteil, mit X-Füßen und auf der linken Straßenseite. Hin und wieder spürte ich, dass die Waden nochmal zumachen wollten. Jetzt warf ich die Füße immer nach vorne, das funktionierte ganz gut. Ich guckte auf die Uhr und dachte bei mir, wenn ich jetzt jeden Kilometer eine Minute langsamer laufe als bisher, dann könnte es knapp für die Zeit unter 3:40 reichen, aber dann darf jetzt kein Krampf mehr kommen.
Nochmal kam eine Verpflegungsstelle bei km 40, hier noch ein paar Meter gegangen. Dann hörte man schon den Sprecher, der 1,5 km vor dem Ziel positioniert war. Er feuerte die Läufer permanent an, wir hätten nur noch 1570 Meter und das kennen wir doch vom Training, in 8 Minuten habt ihr es geschafft, dann könnt ihr euch feiern.
So lief ich jetz mit wegwerfenden Fußbewegungen leicht bergab, noch ein Stück am Stadion entlang, dann kam der Tunnel in Sicht und in diesem sogenannten Discotunnel mit lauter Rockmusik, Nebel und Lichteffekten unterstützt lief man ins Olympiastadion ein, das war dann auch wirklich ein großartiger Augenblick. Du bist mitten im Stadion und bist nur noch 300 Meter vom Ziel entfernt. Ich wurde jetzt noch von einigen Leuten überholt, ich wollte nicht schneller laufen und den Zieleinlauf geniessen und nahm die Atmosphäre auf. An der Südtribüne gings vorbei, wo einst der 'Feind' stand und seinen Fußballverein anfeuerte und dort vorne war der Zielbogen. Es wurde noch ein Foto gemacht und dann lief ich in neuer persönlicher Bestzeit von 3:38:28 ins Ziel.
Ich bekam meine Finishermedaille, ein schönes Teil, schnappte mir eine Schutzfolie und latschte aufs Spielfeld, hielt aber das Ziel im Auge, denn Jürgen dürfte auch bald kommen. Und tatsächlich nach für ihn enttäuschenden 3:44 kam er ins Ziel.
Nun gingen wir direkt zum Paulanerstand, das ganze Spielfeld war voll mit kaputten Läufern, ein nettes Bild, da alle die weiße Schutzfolie anhatten oder darauf lagen.
Wir gossen uns erstmal vier alkoholfreie Bier hinter die Binde, dann gingen wir auf die andere Seite, weil das Bier aus war und holten nochmal Nachschub. Schließlich verabschiedete sich der Jürgen von mir und ging zu seiner Familie. Ich setzte mich ins Gras und massierte an meiner lädierten Wade herum. Schlechte Idee, denn plötzlich raste ein irrer Krampf in meine Wade, bei der ich einen lauten Schrei ausstieß. Die Läufer um mich herum sahen mich mit großen Augen an, verstanden aber augenblicklich meine Situation und wendeten sich wieder ab.
Ich zog an der Wade wie verrückt, rutschte blöd auf dem Gras rum und irgendwann ließ der Schmerz nach.
So musste ich dann eine 3/4 Stunde liegen bleiben, nich gewillt aufzustehen. Zwei Mädels mit Müllbeuteln kamen vorbei und fragten, ob ich was wegzuwerfen hätte. Darauf sagte ich, 'Ja mich'.
Ich sah den Leuten zu, die nach und nach aus dem Stadion verschwanden. Was grauste es mir davor, die ganzen Stufen bis nach oben zu gehen. Das Bild war nett, es sah aus, als würden Engel mit ihren weißen Flügeln im Himmel verschwinden, zwar langsam und humpelnd, aber stetig.
1 Stunde nach meinem Zieleinlauf machte ich mich auch auf den Weg, das heisst, ich versuchte es. Ich stützte mich aufs linke Bein, kam aber nicht hoch, wegen der Wade. Dann eben mit rechts, das ging dann einigermaßen und schon federte ich die Stufen hoch aus dem Stadion hinaus. Nein, ich bin natürlich nicht gefedert. Oben angekommen blickte ich nochmal nach unten und sah hier die weißen Engel auf dem Gras liegen.
Nun machte ich mich 'zügig' auf den Weg zum Auto und musste natürlich gleich meinen Schatz anrufen.
Ihr gings leider nicht so gut bei ihrem HM. Aber das kann man in ihrem Blog nachlesen. Nächstes mal gehts wieder super beim nächsten Wettkampf. So schlechte Tage gibts nunmal. Hase war auch stolz auf mich, dass ich mich trotz Krämpfen so durchgekämpft habe.
Dann fuhr ich nach Germering zur Uschi, dort wartete lecker Kuchen auf mich. Drei Stück hab ich mir gleich gegönnt, der Kuchen war echt super. Später kam noch Ingo und grinste über seine eigene persönliche Bestzeit von 3:53. Glückwunsch Ingo, Bestzeit um 6 Minuten verbessert.
Nach einem netten zusammensein bin ich dann nach Hause gefahren, ich musste noch kochen, ausserdem hatte ich um 4 Uhr Frühschicht. Die 800 Meter in die Arbeit bin ich mit dem Auto gefahren.
Gelaufen bin ich heute auch gleich, muss ja sein, wenn man täglich läuft. Ich hatte wirklich arge Bedenken wegen meiner Wade, aber am Nachmittag hat es funktioniert. Ich brauchte zwar 20 Minuten für 3 Kilometer, aber es war ok.
Was bring ich von München mit? Die Organisation war ziemlich ok. Der Preis für den Marathon ist aber recht hoch. Ich kann mir nicht helfen, ich fühl mich da ein bisschen ausgenommen. Die Zuschauer waren auch nicht der Hit. Meist standen die Zuschauer nur herum und guckten die Läufer an. Anferungen gab es nur an ein paar wichtigen Stellen, wie der Leopoldstraße, Fußgängerzone oder am Eingang zum Englischen Garten.
Das Wetter war eigentlich super, wobei doch einige Probleme damit hatten. Die Strecke war auch nicht sehr einfach. Ein paar Steigungen sind drin.
Vielleicht lauf ich den München Marathon wieder einmal. Mal gucken. Aber es gibt schönere Stadtmarathons, wo auch die Einwohner Lust auf die Veranstaltung haben und gern zusehn. Das ist in München nicht so.
Zum Vergleich, in München wurden 60.000 Zuschauer geschätzt, in Hamburg 800.000.
Ein schöner Tag wars aber auf jeden Fall.

9.10.06 21:18

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bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Hase (9.10.06 21:35)
Boah, wie du das so beschreibst mit deinem Krampf, da kann ich richtig mitfühlen - obwohl ich nie Krämpfe hab - du Ärmster.
Bestzeit mit Krampf.
Das ist der Wahnsinn.
Das muß man dir erstmal nachmachen !
Noch ein Stolzseibussi von deinem Hasen


Mathias / Website (10.10.06 22:53)
Krämpfe sind mies ich kenne das wenn auch nur vom abrupten Aufwachen irgendwann in der Nacht. Beim Laufen bin ich biher verschont geblieben...

Super haste das gemacht und wenn schon die Atmosphäre net so gut war musste eben ne neue PB mitnehmen und die haste Dir wirklich verdient!

Viele Grüße,
Mathias

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