Dampflokrunde - Ein Ultralauf ohne Zwang

Jetzt hab ich doch noch dieses Jahr den anderen Teil der Dampflokrunde erkundet. Die Strecke von Lechbruck nach Marktoberdorf kannte ich schon, aber die von Biessenhofen nach Lechbruck, die fehlte noch in meiner Sammlung.
Es war Dienstag und ich hatte einen freien Arbeitstag. Die Wetteraussichten sagen, dass es jetzt dann schneit, aber für diesen Tag gabs noch Sonne und Temperaturen um die 14°.
Um kurz nach 7 bin ich aufgestanden und hör meinen Nachbarn an der Windschutzscheibe rumkratzen. Öha, Frost. Da wirds mich wohl an den Fingerchen frieren.
Ich hab mich aufgerüstet, Bauchtasche mit Flasche umgeschnallt, zwei Täschchen hingehängt, Handy rein, Fotoapparat am Mann und rüber übers Gleis. Gut, wenn die Dampflokrunde an der Haustür vorbei führt. Noch ein Foto vom Streckenstein gemacht und losgelaufen.
Ich hab mich gleich ermahnt langsam zu machen, es ist nämlich verdammt weit heute.
Ich wusste nicht, wie weit ich laufen würde, vielleicht gar die ganze Runde? Aber das kam mir doch reichlich utopisch vor. Ich laufe so lange, bis es mir zu blöd wird, wenn es anfängt weh zu tun, oder wenn ich mich quälen muss, dann ruf ich meine Eltern an, die holen mich ab.
Nach 6 km lief ich durch Kaufbeuren, am Bahnhof vorbei und weiter in Richtung Westen. Eigentlich hat der Tourismusverband Ostallgäu die ganze Strecke mit Schildern ausgestattet, auf der eine kleine Dampflok zu sehen ist. Funktioniert ganz gut, aber ein paar Schilder gibts eben nicht. So kams dann auch, dass ich in Kaufbeuren ein Umweg machte, weil mich ein Schild verwirrt hat. Wär ich direkt unter der Brücke durch, dann über die Wertach, wär ich gleich drüben gewesen, aber ich lief aussen rum, über 1 km Umweg. Na bravo. Am Ortsausgang von Kaufbeuren musste ich wieder stehen bleiben, weil erneut keine Damplok zu sehen war, aber die Straße hieß am Bahndamm, also wird die hoffentlich richtig sein, es war auch die richtige.
Weiter zum Waldfriedhof hoch und dann auf direktem Weg nach Mauerstetten. Ja, man merkt, dass hier einst Züge gefahren sind, bis 1977. Auf einem aufgeschütteten Damm gings immer geradeaus, ich konnte ewig weit sehen, nach 2 km wurde ich mit einer kleinen Kurve belohnt, danach wieder eine schnurgerade Strecke. Die km- Steine für die Züge stehen noch am Wegesrand, teilweise wachsen da Bäume heraus, oft ein lustiges Bild.
Von Mauerstetten führte die Strecke weiter nach Linden, ach sagte ich schon, dass es oft ziemlich lang geradeaus ging?
Von Linden gings geradeaus weiter, an Stöttwang vorbei. Ganz weit kann man hier sehen, bis in die Berge hinein, die ewig weit weg scheinen, später aber dann viel näher waren. Dort kam mir auch vor 2 Monaten die Idee, die Dampflokrunde zu laufen. Nach Stöttwang kam ich ins Kaltental. Ob die Gegend jetzt was mit der Eiszeit zu tun hat, oder ob es an den Kelten liegt, darüber muss ich mich noch informieren.
Vom Kaltental weiter nach Frankenhofen.
20 km waren geschafft, hier legte ich ein Päuschen ein. Ich lief zum Friedhof und füllte meine Wasserflasche auf. Hier war mächtig was los, das Qualifiying fürs morgige Grabsteinrennen war im vollen Gange. Es ist doch Allerheiligen, da werden die Gräber aufgebrezelt.
Ich ging an den Brunnen und ein älterer Herr sprach mich an, dass er auch immer normales Leitungswasser trinkt, das ist doch viel besser als das chemische Zeugs, das es in den Läden zu kaufen gibt und Leitungswasser ist ja auch sehr gesund. Dann verschwand er wieder mit seiner Gießkanne.
Ich lief runter zum Ort und fragte mich zu einem Laden durch. Ich kam am Dorfedeka an und ging in den Laden. Schwer was los hier, alle am Plaudern und alle gute Laune. Das war so ein richtiger heimeliger Dorfladen wo wirklich Jeder Jeden kennt. Ich wurde freundlich angelächelt, sowohl von den Angestellten, als auch von den Kunden mit ihren Einkaufskörben. Ich nahm mir zwei Bananen und einen Boskop raus, worauf die ältere Dame mir die Sachen aus der Hand nahm und gleich direkt zur Waage ging. Ob ich denn noch einen Wunsch hätte? Ähm ja, eine Breze. Sie fußelte geschäftig in das Bäckereiabteil und klaubte eine Breze raus. Ich erblickte eine Nußschnecke und die wollte ich auch noch haben. Und immer hatte man ein lockeres Gespräch.
Ja, das werden sie gleich wieder abgestrampelt haben, das wird nicht lange herhalten. Wenn das immer so einfach wäre mit dem abstrampeln, gell? Darfs denn noch was sein? Die Kunden nickten dann auch noch mit, auch die andere Angestellte lächelte und plauderte. Meine Angestellte ging zur Kasse, wo eine Dame schon wartete, bis die Kasse besetzt ist. Meine persönliche Ladenbetreuerin entschuldigte sich bei der Kundin, weil sie erst mich abkassierte, die natürlich Verständnis dafür hatte und lächelte. Das kostete mich 2,25€, was mir im Nachhinein viel zu billig vorkam. Ich verabschiedete mich, worauf die Angestellten, als auch die Kunden mir einen schönen weiteren Tag wünschten. Sowas hab ich auch noch nie erlebt in einem Laden.
Ich aß nun eine Banane, die Breze hinterher, Apfel in die Jacke, die andere Banane und die Nußschnecke musste ich in der Hand halten. Eine Katze kam zu mir und meinte, es gäbe was zu holen, aber ein Stück Breze wollte sie nicht, war mir klar, aber Wurst hatte ich leider nicht dabei. Die Katze wurde noch ein bisschen gestreichelt und dann gings weiter auf meine Dampflokrunde.
Es ging jetzt durch den Wald, an Osterzell vorbei, Denklingen, Bidingen war in der Nähe und hier sah ich ein Schild, nach Biessenhofen sinds 10 km. Das war aber schon ein bisschen verlockend, die Heimat so nah, aber nö, die Lokrunde lockt mich weiter. Also weiter. Hier war ich auch im Sachsenrieder Forst, das ist eins der grössten deutschen Waldgebiete.
Hier hatte ich auch keinen Handyempfang. Ich war fern der Zivilisation. Gut, böse Zungen behaupten auch, dass man fern der Zivilisation ist, wenn man in Bidingen wohnt.
Nein, keine bösen Witze machen, ich lief durchs Forst und kam irgendwann bei Ingenried aus dem Wald und hatte plötzlich Oberbayern vor mir, ich war im Landkreis Weilheim Schongau.
Hier in Ingenried legte ich wieder ein Päuschen ein und futterte meine Nußschnecke und den Apfel. Das war schon ein bisschen blöd über 10 km den Apfel, die Banane und die Nußschnecke zu tragen. An einem Brunne hab ich meine Wasserflasche wieder voll gemacht und schon gings weiter.
Immer mit dem Gesicht in der Sonne und der Nase im Wind meinem Ziel entgegen, bei dem ich nicht wusste, wo es sein würde.
Von Ingenried führte der Weg nach Tannenberg. Hab ich noch nie gehört. Von hier verläuft eine Straße nach Bernbeuren, aber ein Radwegschild schickte mich nach links, blöd, keine Dampflok auf dem Schild, war ich richtig? Im Nachhinein bertrachtet, war ich da noch richtig, aber nicht mehr lange.
Ich kam an einer Kirche an kurz vor Burggen und hier rief mich Hase an, das freute mich ganz besonders. Ich sagte ihr, dass es mir gut ginge, es geht voran. Kerstin fand es gut, dass ich so einen Lauf mache, das fällt auch nicht jedem ein.
Hier an der Kirche hätte ich links abbiegen müssen, in den Ort hinein laufen, aber ich lief nach rechts, damit hat sich die Dampflokrunde erledigt, ahnte ich aber erst nach 2,5 km, wusste ich wirklich erst viel später. Ich kam fast wieder in Tannenberg an, schöne sinnnlose Schleife gelaufen.
Von hier führte die Straße nach Bernbeuren, da will ich hin, das passt einigermaßen. Dann kam ich wieder an eine Kreuzung mit dem Hinweis nach links: Bernbeuren 3,6 km und einem Hinweis nach rechts: Bernbeuren 3,4 km. Super. Ich entschied mich für rechts und kam irgendwann an einer Straße raus. Die Straße kannte ich und so lief ich eben auf dieser Straße nach Bernbeuren. Die Marathondistanz hab ich mittlerweile überschritten.
Hier angekommen fotografierte ich ein Hinweisschild: Kaufbeuren 33 km. Dabei wurde ich von einem älteren Ehepaar beobachtet. Der Herr fragte mich, für was das jetzt gut war? Worauf ich ihm erklärte, dass ich von der Gegend von Kaufbeuren komme und es mir ganz schön weit vorkommt, wenn ich das so auf dem Schild lese.
Es folgte eine kurze Pause, bei der ich mit großen Augen angeguckt wurde, worauf die Frau fragte, ob ich tatsächlich schon 33 km gelaufen sei? Darauf sagte ich, nööö es sind eher 44 km. Jetzt war die Gesprächspause und die Augen noch größer. Ich unterbrach die Schweigeminute und fragte, ob ich hier wieder auf die Dampflokrunde komme. Der Mann scheuchte seine Frau ins Haus, sie solle eine Landkarte holen, die sie bereitwillig raus brachte. Wir studierten die Karte und anschließen verabschiedete ich mich. Bald kommt Lechbruck und jetzt reichte es mir auch so langsam, vorallem, weil es jetzt ziemlich hügelig hoch und runter ging. Ich entschloß mich, meine Eltern anzurufen, dass sie mich in Lechbruck abholen. Mir reichte es, der stärker und kälter werdende Wind hat mich auch immer mehr genervt. Sicher, ich hätte noch weiter laufen können, aber wie am Anfang schon gesagt, ich wollte mich nicht quälen und wenn es weh tut hör ich auf.
Ein paar Dörfer durchlief ich noch, eher alleinstehende Bauernhöfe.
Plötzlich stand ich genau vor einem Golfplatz, als ich aus einem Wald kam. Ja wo kommt der denn plötzlich her? Das war schon seltsam, erst noch mitten auf dem Feldweg durch dei Pampa gelaufen und auf einmal war da so ein supergepflegter Golfplatz und Leute die ihr Golfwägelchen hin und her schoben. Dort ein Mann, der konzentriert seinen Ball putten wollte, hier ein Paar, das einen mittellangen Schlag machte, aber ätsch, nix aufs Green
Weiter durch einen Wald kam ich an Loch 6 vorbei und dort unten sah ich auch schon den See von Lechbruck, es roch nach Ziel. Einen Berg musste ich noch nach unten laufen, an einem Bach entlang und dann war ich dort, wo eigentlich der zweite Teil der Dampflokrunde beginnt, die Strecke von Lechbruck nach Marktoberdorf.
So bin ich jetzt die komplette Dampflokrunde gelaufen. Na gut, der Teil von Lechbruck nach Marktoberdorf ist schon ein Weilchen her.
Kaum angekommen, bogen meine Eltern um die Kurve. Das war ein perfektes Timing. Und weil meine Eltern schön mitdenken, haben sie mir zur Belohnung ein Weizenbier mitgebracht. Meine Mutter hat mich begeistert fotografiert, wie ich das Weizen einschenke und trinke, das hab ich mir aber auch verdient, nicht wahr?
50,5 km bin ich gelaufen, dabei hab ich wohl auch einen Umweg von etwa 4 km gemacht.
Das war ein schöner Lauf und vielleicht mach ich es mal wahr und laufe in einem Rutsch die kompletten 80 km, aber so schnell bestimmt nicht.
Heute merk ich, dass ich Farbe im Gesicht bekommen hab, die Umrisse von der Sonnenbrille sind erkennbar. Fast fühlt es sich wie ein Sonnenbrand an, das soll mal einer nachmachen am 31. Oktober.
Bilder hab ich auch einige gemacht. Bitteschön Dampflokbilder
Danke fürs lesen von diesem halben Roman, jetzt habt ihr euch aber auch ein Bier verdient

1.11.06 08:18

Werbung


bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


muttern (1.11.06 12:21)
Hallo Sohn wieder toll geschrieben ,schone dich jetzt wieder mal.Darfst aber den Umweg auch mitrechnen.Wir werden jetzt ein Taxiunternehmen aufmachen,deinen Bruder am Sonntag vom Flugplatz geholt gestern dich eingesammelt ,so komme ich auch herum,das Weizen hat aber ganz schön gezischt.Die 80 schaffst du auch noch,so wie ich dich kenne.
Gruß deine Oldys


Günter Ulke (30.6.12 16:09)
Hallo Allgäurunner, ich wohne in Frankenhofen und bin heute zufällig über Deinen Bericht gestolpert. Es freut mich, dass es Dir in unserem Dorf so gut gefallen hat. Besonders unser Edekaladen "dr Baumi" ist ein Unikat auf das wir besonders stolz sind.

Solltest Du wiedermal in die Gegend kommen, schau doch einfach rein.

Alles Gute

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)

Die Datenschuterklärung und die AGB habe ich gelesen, verstanden und akzeptiere sie. (Pflicht Angabe)


 Smileys einfügen